Ein kleiner Auszug aus dem Buch Shinjinmei von Shôdô Harada:

Wir müssen alle Gedanken fahren lassen

Wir müssen alle Gedanken fahren lassen. Es ist wie mit dem alten Sprichwort: Wenn wir an nichts denken. sind wir dem Verständnis nahe.

lkkyu schrieb in einem Gedicht:
Ein Kind sammelt mehr und mehr an,
und mit zunehmender Erkenntnis entfernt
es sich mehr und mehr vom Buddha-Geist
– wie traurig!

Ein kleines Kind besitzt keine Fähigkeiten, die der Gemeinschaft dienen, und ist hilflos, wenn man es alleine lässt. Doch auch wenn es die Unterstützung anderer benötigt, hegt es noch keine dualistischen Gedanken. Sein Geist ist wie der Buddha-Geist, weil es nicht in zwei unterteilt. Der komplizierte Geist, der stets das Beste für sich will, ist weit von dem Geist entfernt, der offen ist und annimmt, was auch immer ihm begegnet. Wenn wir in eine Richtung sehen, erkennen wir immer nur einen Punkt, und der Rest bleibt im Dunkeln. Lassen wir jedoch alle Gedanken los, dann ist uns Gewinn oder Verlust egal, und wir machen uns nicht einmal Sorgen. wenn wir getötet werden.

Es ist gut, nicht zu denken

Es ist gut, nicht zu denken. Die Praxis des Zazen ist eine des Nicht-Denkens. Das heißt aber nicht, ein Narr zu sein, denn Narren sind nicht frei im Denken. Ziehen wir zum Beispiel ohne Waffen in eine Schlacht, dann sind wir Narren und werden sofort getötet. So ist es nun einmal in dieser dualistischen Welt, wir brauchen ein Hilfsmittel, damit wir an nichts anhaften. Dann ist unser Geist offen und kann alles abschneiden, was näher kommt. Ansonsten wären wir nur Sklaven unserer eigenen Gedanken. Dann wäre sogar ein wochenlanges Sesshin sinnlos, weil man dabei nur seinen eigenen Gedanken folgte.

Wir alle müssen abtrennen, was auch immer in unserem Geist auftaucht. Meister Rikyu sagte:

„Wir tragen ein scharfes Schwert in unserem Ärmel.
Wann immer etwas auftaucht,
müssen wir es damit abschneiden.
Das ist das Mysterium des Zazen.“

Wir können nicht einfach nur dumpf vor uns hinsitzen. Nach einigen Jahren muss da eine Schärfe sein, mit der wir Gedanken abschneiden. ansonsten ist es kein Zen.

Gibt es eine Lücke, in der ein Gedanke auftaucht, dann folgen bald die nächsten Gedanken. Wir alle kennen das zur Genüge. Zu Beginn des Zazen mag unser Geist noch still sein, doch bald wird er geschäftiger und geschäftiger und füllt sich mit Gedanken an. Wir können das nicht verhindem, auch wenn wir es versuchen. Das ist der dualistische Weg. Dinge als gut oder schlecht zu betrachten. Jede Lücke erzeugt diese Art, die Dinge zu bewerten, und ist wie ein Schneeball, der bergab rollt und größer und größer wird.

Wir müssen das klar erkennen. Selbst dann ist es noch schwierig, genau in dem Moment den Gedanken abzuschneiden, wenn er auftaucht. Wird unser Geist geschäflig und verwirrt, dann hilft uns sussokan (das Zählen der Atemzüge), ans Ende des Atemzuges zu kommen. Es handelt sich nicht um eine Atemtübung. Betrachtet man die anderen, so sieht man, dass fast keiner bis ans Ende seines Atemzuges geht. Folglich nehmen jene Gedanken im Kopf nicht ab. Jedem Atemzug muss bis ans Ende gefolgt werden. Und am Ende lassen wir keine Lücke, sondem ein Atemzug folgt dem nächsten, so wie Fischeier miteinander verbunden sind. Wenn wir so sitzen können, dann erfahren wir die Essenz dieser Lückenlosigkeit. Es gibt nicht viele. die so sitzen können. Die meisten Menschen hadem beim Sitzen mit ihrem selbst geschaffenen Dualismus.

Sussokan, Koan, keine Lücken zu lassen!

Sussokan, Koan, keine Lücken zu lassen – darin besteht der Trick. Nichts soll eintreten können. Daran müssen wir sorgfältig arbeiten. Wenn wir so sitzen können, wird der Atem voll, und eine Sitzperiode vergeht, ohne dass wir es bemerken. Wenn wir dahin kommen, kümmert uns der Schmerz in unseren Beinen nicht mehr. Dies muss jeder für sich selbst erfahren.

Wir gelangen an den Grund unseres Geistes

Wir gelangen an den Grund unseres Geistes. Zwei existiert aufgrund des Einen, und das Eine ist die Grundlage von zwei. Ist unser Geist beim Sitzen wirklich still, dann erleben wir uns selbst nicht als existent. Als Genyo Sonja bei Joshu eintraf, sagte er: „Ich halte an nichts fest. Wie wollt Ihr mich lehren?“ Joshu erwiderte: „Wirf das ab!“ Genyo Sonja meinte: „Ihr seid seltsam. Ich sagte doch, ich halte an nichts fest. Wie soll ich da etwas abwerfen können?“ Da sagte Joshu: „Nun, dann trag es halt mit dir rum.“ Joshu kann so reden, weil er selbst diese Erfahrung gemacht hat. Wir mögen zwar vermuten, dass es den Zustand des Nicht-Denkens gibt, doch solange wir so daran denken, sind wir nicht dort angekommen. Jener Geisteszustand, der am Grunde herrscht, kennt überhaupt nichts. Sich aber vorzustellen, wie das ist, führt nur zu Irrtümern. Denn wenn wir uns sagen, dass da nichts ist, erschaffen wir schon wieder etwas.

Der weite Himmel ist die Grundlage des Himmels

Der weite Himmel ist die Grundlage des Himmels, doch das ist nicht alles. Manchmal gibt es Wolken, doch selbst dann sind sie nicht im Weg, und kein Zweifel bezüglich der Weite des Himmels kommt auf. ln unserem Geist tauchen gleichfalls noch immer Gedanken auf, aber sie behindern uns dann nicht mehr. Darüber kann man nicht bloß reden. das muss zu einer wirklichen Erfahrung werden. Wenn wir uns darüber täuschen, ist es, als würden wir gen Himmel spucken und dann von unserem eigenen Speichel getroffen werden. Das hilft uns in unserem Alltag überhaupt nicht.

Nichts verweilt in unserem Geist, unser Zentrum ist. weit und offen, zu diesem Geisteszustand kehren wir zurück. Es geht nicht darum, dass da nichts wäre, sondern darum, dass wir durch Gedanken nicht mehr umhergetrieben werden. Was auch immer geschieht, wir geraten nicht mehr in Verwirrung. Es gibt gute und bösartige Menschen, Gesunde und Kranke, Kluge und Einfältige – alle leben zusammen. Wir können uns das nicht aussuchen, aber wir können uns bemühen, so zusammenzuleben, dass wir einander eine Stütze sind. Das bedarf einiger Anstrengung. Ein Bulldozer, mit dem wir über alle Bösartigen hinwegfahren, sie ins Gefängnis werfen oder gar zum Tode verurteilen, das ist nicht die Lösung. Fragen wir uns, was sie so hat werden lassen: Es lag an den Umständen. Wir sollten Weisheit lehren, egal, wie viel finanziellen Aufwand dies erfordert, und dadurch schlechte Taten vermeiden helfen. Das ist unsere Verantwortung. Wir alle haben die Buddha-Natur, doch einige mit schlechtem Karma werden womöglich kriminell. Wir müssen sie alle im Herzen bewahren, unsere Weisheit mit ihnen teilen, besonders mit denen, die Anleitung benötigen. Wir können uns nicht nur um unser eigenes Glück kümmern. Wir müssen unsere Kräfte bündeln und solchen Menschen ein Vorbild sein. Unsere Weisheit zu teilen heißt, dass alle zu ihrer Buddha-Natur erwachen können.

Textstelle aus dem Buch Shinjinmei von Shôdô Harada (S. 39ff)

Shinjinmei [Zum Gedicht]

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Die Inschrift vom Vertrauen in den Geist (Xinxinming/Shinjinmei)
Sengcan (Sôsan); Harada, Shôdô.
Deutsch von Guido Keller (nach der engl. Übersetzung von © Sabine ShoE Huskamp)
Frankfurt: Angkor Verlag – 2019
ISBN: 978-3-943839-80-7