Das Foto zeigt die Zendo im Hokuozan Sogenji (Asendorf) im Oktober 2011

Der Weg ist in seinem Wesen vollkommen. Er durchdringt alles. Wie könnte er also von Übung und Verwirklichung abhängen? Das Fahrzeug des Dharma ist frei und losgelöst von allen Fesseln. Wozu ist dann das konzentrierte Bemühen des Menschen notwendig? Wahrlich, der Große Körper befindet sich weit jenseits des Staubes der Welt. Wer könnte glauben, es gäbe ein Mittel, ihn vom Staub zu befreien? Er ist nie von irgend jemandem getrennt, immer genau dort, wo man ist. Wozu also hier oder dorthin gehen, um zu üben?

Wenn es jedoch einen Graben gibt, und sei er noch so schmal, bleibt der Weg so weit entfernt wie der Himmel von der Erde. Wenn man auch nur die kleinste Vorliebe oder Abneigung zeigt, verliert sich der Geist in der Verwirrung. Mag jemand sich in dem Glauben wiegen, zu verstehen und sich über das eigene Erwachen täuschen, die Weisheit wohl erahnend, die alle Dinge durchdringt, mag er sich auf den Weg begeben und die Seele geläutert haben, mag er so den Wunsch in sich tragen, den Himmel zu erklimmen. Er hat mit der begrenzten Erforschung der Randzonen begonnen, doch ist er noch lange nicht auf dem lebendigen Weg der vollkommenen Befreiung.

Muß ich vom Buddha sprechen, der die Erkenntnis von Geburt an besaß? Man spürt noch heute den Einfluß der sechs Jahre, während derer er völlig unbeweglich im Lotussitz saß. Die Weitergabe des Siegels bis in die heutige Zeit hat auch die Erinnerung an Bodhidharma bewahrt, der neun Jahre vor einer Wand in Versenkung saß. So war es also schon mit den Heiligen von einst; wie könnten sich da die Menschen von heute der Aufgabe entziehen, den Weg zu bewältigen?

Daher müßt ihr jene Form der Übung aufgeben, die nur auf gedankliches Verständnis abzielt, die den Worten nachläuft und bei der ihr an den Buchstaben klebt. Ihr müßt die Umkehr erlernen, die euer Licht nach innen richtet, um so euer wahres Wesen zu erleuchten. Körper und Geist werden so von selbst zurücktreten, und euer ursprüngliches Gesicht wird sich zeigen. Wenn ihr erwachen wollt, müßt ihr das Erwachen ohne Umschweife praktizieren.

Für Zazen ist ein stiller Raum geeignet. Eßt und trinkt in Maßen. Verwerft jegliche Bindung und gebt alle Dinge auf. Denkt nicht: »Dies ist gut, jenes ist schlecht.« Ergreift weder für noch gegen etwas Partei. Haltet alle Bewegungen des bewußten Geistes an. Urteilt nicht über Meinungen und Erwägungen. Begehrt in keiner Weise, Buddha zu werden. Zazen hat überhaupt nichts mit einer sitzenden oder liegenden Haltung zu tun.

Legt an den Ort, an dem ihr euch gewöhnlich setzt, eine dicke Matte und legt ein Kissen darauf. Setzt euch in den Lotus‑ oder Halblotussitz. In der Lotushaltung legt zunächst den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel und dann den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel. Begnügt euch im Halblotussitz damit, den linken Fuß gegen den rechten Schenkel zu drücken.

Achtet darauf, eure Kleidung und den Gürtel zu lockern; ordnet sie in passender Weise.

Legt nun eure rechte Hand auf das linke Bein und die linke Hand (die Innenflächen nach oben gewandt) auf die rechte Hand; die Daumenspitzen berühren sich.

Setzt euch vollkommen aufrecht, weder nach links noch nach rechts, weder nach vorne noch nach hinten geneigt.

Achtet darauf, daß eure Ohren auf einer Ebene mit den Schultern sind und eure Nase sich im Lot zum Bauchnabel befindet.

Die Zunge ist nach oben gegen den Gaumen gedrückt; der Mund ist geschlossen, die Zähne berühren sich. Die Augen müssen stets geöffnet bleiben, und ihr atmet ruhig durch die Nase.

Wenn ihr die korrekte Haltung eingenommen habt, atmet einmal tief ein und aus. Neigt euren Körper nach rechts und nach links, und bleibt dann unbeweglich in einer stabilen Haltung sitzen. Denkt Nicht‑Denken. Wie denkt man Nicht‑Denken? Nicht‑Denken (Hishiryo). Genau das ist die wesentliche Kunst des Zazen.

Das Zazen, von dem ich spreche, ist nicht eine Lehre in Meditation, es ist nichts anderes als das Dharma von Frieden und Glück, die Übung und gleichzeitige Verwirklichung vollkommenen Erwachens. Zazen ist die Offenbarung der letzten Wirklichkeit. Schlingen und Netze können sie nie einfangen. Wenn ihr einmal ihr Herz erfaßt habt, werdet ihr sein wie der Drache, der in das Wasser eintaucht, und wie der Tiger, der in den Wald eindringt. Denn man muß wissen, daß genau in dem Augenblick (in dem man Zazen übt. (Anmerk.d. Übers.)) sich das wahre Dharma offenbart und daß man von Anfang an die körperliche und geistige Erschöpfung und die Zerstreuung verjagt.

Wenn ihr euch dann erhebt, bewegt euch sacht und ohne Hast, ruhig und überlegt. Erhebt euch weder plötzlich noch zu rasch. Wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft, wird einem klar, daß das Transzendieren von Erwachen und Nicht‑Erwachen zugleich, daß das Sterben im Sitzen oder im Stehen, stets von der Stärke des Zazen abhängig waren.

Im übrigen kann die Öffnung zur Erweckung, ausgelöst durch einen Finger, eine Fahne, eine Nadel, einen Holzhammer, das Erreichen der Verwirklichung durch einen Fliegenwedel, eine Faust, einen Stock, einen Schrei ‑ dies alles kann durch das dualistische Denken des Menschen nicht vollkommen begriffen werden. Es kann noch nicht einmal durch die Einübung übernatürlicher Tätigkeiten besser erkannt werden. Es ist jenseits dessen, was der Mensch hört und sieht. Ist es nicht ein Prinzip, das vor allem Wissen und jeder Wahrnehmung liegt?

Wenn dem so ist, besagt es wenig, ob man intelligent ist oder nicht. Es gibt keinen Unterschied zwischen dumm und klug. Das Bemühen, ganz und gar konzentriert zu sein, bedeutet an sich bereits, den Weg zu bewältigen. Die Übung-Verwirklichung ist ihrem Wesen nach rein. Fortschreiten ist eine alltägliche Angelegenheit.

Insgesamt wird das Buddhasiegel in diesem und in anderen Ländern, in Indien und in China, geachtet. Als Besonderheit dieser Schule ist maßgebend: ganz einfach Hingabe an die Versenkung im Sitzen; unbeweglich und mit ganzem Einsatz sitzen. Wenn es auch heißt, daß es so viele Temperamente wie Menschen gibt, so bewältigen doch alle den Weg auf die gleiche Weise, nämlich durch die Übung von Zazen. Warum solltet ihr den Sitzplatz aufgeben, der zu Hause für euch bereit ist, um auf staubigen Straßen fremder Königreiche umherzuirren? Ein einziger falscher Schritt, und ihr weicht von dem Pfad ab, der ganz gerade vor euch liegt.

Ihr habt die einzigartige Gelegenheit, in menschlicher Gestalt geboren worden zu sein. Vergeudet nicht eure Zeit. Ihr tragt euren Teil bei zur Verwirklichung des Buddhaweges. Wer würde sich da noch an der Flamme erfreuen, die einem Stein entsprungen ist? Form und Substanz sind wie Tautropfen im Gras; das Schicksal gleicht einem Blitz ‑ im Nu verschwunden.

Ich bitte euch, ehrenwerte Schüler des Zen, die ihr seit langem daran gewöhnt seid, im Dunkeln den Elefanten zu ertasten *) , fürchtet euch nicht vor dem wahren Drachen. Widmet eure Energie dem Weg, der ohne Umschweife zum Absoluten führt. Achtet den wahren Menschen, der über die gemeinen menschlichen Beschäftigungen hinausgeht. Bringt euch mit der Erleuchtung der Buddhas in Einklang; folgt der rechtmäßigen Dynastie des Satori der Patriarchen. Verhaltet euch stets so, und ihr werdet sein wie sie. Eure Schatzkammer wird sich von selbst öffnen, und ihr werdet davon Gebrauch machen können, wie ihr es für richtig haltet.

*) Hier wird auf eine alte chinesische Zen‑Geschichte angespielt Mehrere Blinde ertasten einen Elefanten an unterschiedlichen Körperteilen und beschreiben ihn schließlich jeweils völlig verschieden. (Anmerk. d. Übers.)

Literaturangabe: Die Lehren des Meister Dôgen, Der Schatz des Sôtô-Zen; Taisen Deshimaru; Diedrichs Gelbe Reihe, 1991