Aus der Sicht eines Zen-Schülers, kann ich nur sagen, dass die Achtsamkeit nur ein Teilaspekt der Lehre von Buddha ist. Wir neigen in der westlichen Welt dazu, uns nur die Dinge heraus zu nehmen, die uns scheinbar gut tun und lassen oft die restlichen Teile außer Acht. Wenn Menschen sich nur auf Meditation und Achtsamkeit konzentrieren, kann es in die Richtung gehen, die Theodore Zeldin, Historiker an der Universität Oxford, in dem Interview der Wiener Zeitung vom 29. April.2017 beschreibt. Doch die Erkenntnis, die Siddhartha Gautama machte, geht weit darüber hinaus und kann als vollkommen schlüssig bezeichnet werden. Meditation und Achtsamkeit gehören zum achtfachen Pfad, der zur Auflösung von Leid (Dukkha – Ungereimtheiten – „schwer zu ertragen“) führen soll.

Doch worauf richtet der Zen-Schüler seine ganze Achtsamkeit?

Dieser Frage ist Professor Zeldin offenbar nicht tiefer auf den Grund gegangen.
„Das Glücklichsein, die Religion des 20. Jahrhunderts, ist irreführend. Wie kann man glücklich sein, wenn es so viel Leid, Krieg, Dummheit auf der Welt gibt?“
Im Mahayana-Buddhismus, zu dem auch Zen gehört, kann man nicht zum „Absoluten Frieden“ (Satori – Nirvana) kommen, bevor nicht alle Wesen vom Leid befreit sind.
Einfach, wie er meint: „Anstatt zu fragen „Wer bin ich?“ sollte man jedoch fragen: „Wer bist du?“. führt nicht zwangsläufig zu besseren Ergebnissen. Viel sinnvoller wäre es zu fragen, warum leide ich? …warum leidest du? Welche gemeinsame Ursache steckt dahinter und wie kann dieses Leid verringert werden?

Seine Antwort auf die Frage – „Oft heißt es, man müsse zuerst mit sich selbst im Reinen sein, sich selbst lieben, um anderen helfen zu können. Was halten Sie davon?“

„Man soll sich nicht gut fühlen. Anstatt auf sich selbst neugierig zu sein, sollte man neugierig auf andere Menschen sein.“ – macht für mich deutlich, dass er jetzt die Haltung der „Schule der Ältesten“ (Theravada) ins Visier nimmt. Hier treffen aus buddhistischer Sicht allerdings zwei fundamentale Lehren zusammen. Doch gerade darüber finden sich in der Literatur unzählige Beiträge, die Professor Zeldin hier aus meiner Sich nicht in Betracht zieht. Die Befreiung vom Leid, kann nur Schrittweise vom „Ich befreie mich zuerst selbst vom Leid“ zum „Wir werden alle vom Leid befreit sein“ funktionieren. Ausschlaggebend ist jedoch, dass die Person, die anderen helfen möchte, dem Leid ein Ende zu setzen, die Zusammenhänge der Entstehung zuerst einmal selbst verstanden hat. Und wie Konrad Lorenz einst sagte: „Gedacht heißt nicht immer gesagt; gesagt heißt nicht immer richtig gehört; gehört heißt nicht immer richtig verstanden; verstanden heißt nicht immer einverstanden; einverstanden heißt nicht immer angewendet; angewendet heißt noch lange nicht beibehalten.“

In einem Punkt möchte ich Professor Zeldin allerdings vollkommen zustimmen: „Ich bin dafür, dass man Gespräche zwischen Schülern und älteren Menschen fördert. An der Schule sollten wir Verbindungen zur Welt herstellen. Auch an den Unis lernen Studierende nichts über das Leben. Wir müssen Bildung neu denken, und Geschichte sollte die Imagination provozieren. Mit Donald Trump als US-Präsidenten sind die Probleme der Welt sehr dringlich, und auch beim Brexit sehen wir: Es braucht nur wenige Wähler, und es ist vorbei. Wir brauchen neue Lösungen und dürfen uns nicht vor der Welt verstecken.“

AntaiDô – Frieden und Gesundheit für alle Wesen.

Das vollständige Interview mit Professor Theodore Zeldin in der Wiener Zeitung führte Bettina Figl.
Nachzulesen hier: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/bildung/heranwachsen/885371_Achtsamkeit-ist-ein-Tranquilizer.html